• zurück

Eine ausgestorbene Vogelart, ein Swiss‐​Linienflug und eine Klimastation werden zu Musik

Von Hannes Liechti – Drei Naturwissenschaftler ver­to­nen wis­sen­schaft­li­che Daten: Ein ganz beson­de­res Konzert im Rahmen des Berner Musikfestivals «Vom Himmel» ver­birgt sich hin­ter dem Trio HUGO. Unter dem Namen «HUGO hat Töne» ver­to­nen Daniel Schümperli, Lukas Frey und Rudolf von Steiger seit 2001 Erbinformationen, soge­nann­te DNA‐​Codes. Was unvor­stell­bar klingt, gelingt den drei Naturwissenschaftlern und Musikern aber auf ein­drück­li­che Art und Weise. Im Blick auf das Musikfestival Bern änder­te das Trio sein Programm: «HUGO in the Sky (no Diamonds)» ori­en­tiert sich nicht län­ger an DNA‐​Codes, son­dern an gesam­mel­ten Daten aus der Atmosphäre und dem Universum. Ein Gespräch mit HUGO über Musik und Wissenschaft.

ensui­te – kul­tur­ma­ga­zin: Musik, basie­rend auf wis­sen­schaft­li­chen Daten. Was muss man sich dar­un­ter vor­stel­len? Wie wer­den Zahlen zu Musik?

HUGO: Die Grundlage unse­rer Musik sind tat­säch­lich wis­sen­schaft­li­che Daten. Etwas äus­serst Trockenes also. Diese Daten wan­deln wir nach bestimm­ten mathe­ma­ti­schen Algorithmen um. Und zwar in ein für die Herstellung von Musik sinn­vol­les Format: Frequenzen, Lautstärken oder Tonlängen. Aus der Kombination und Abfolge die­ser drei Grössen ergibt sich Computermusik, wel­che als Grundgerüst unse­rer Musik dient. Dieser Schaffensprozess gestal­tet sich für uns immer wie­der äus­serst lust­voll und lässt den Aspekt des «Augenzwinkerns» nie zu kurz kom­men.

Eine elek­tro­ni­sche Abfolge von Tönen als Grundgerüst also. Was geschieht nun damit wei­ter?

Bei unse­ren Konzerten impro­vi­sie­ren wir zu die­ser syn­the­ti­schen Musik mit Kontrabass und Klarinette. Die Improvisationen gestal­ten wir nach einem gro­ben Konzept weit­ge­hend frei. Jede Aufführung klingt dem­nach anders. Beim neu­en Programm wer­den wir, stär­ker als zuvor, zusätz­lich auch die com­pu­ter­ge­ne­rier­te Musik live modi­fi­zie­ren. Seien es Tempo‐, Tonhöhe‐ sowie Dynamikveränderungen oder Verzerrungen und ande­re Effekte.

Nun gut, die­ser Prozess mag sich ja für euch sehr inter­es­sant und span­nend gestal­ten. Was aber erfährt das Publikum vom gan­zen Hintergrund?

Ein gros­ses Anliegen bei den Auftritten sind für uns didak­ti­sche Inputs. Rund um die ein­zel­nen Stücke ver­su­chen wir dem Publikum zu ver­mit­teln, woher die Daten stam­men, die wir als Grundlage ver­wen­det haben. Weiter ver­su­chen wir zu zei­gen, wie wir die­se Daten umge­wan­delt haben und wel­che wis­sen­schaft­li­chen Zusammenhänge dadurch hör­bar wer­den. Der letz­te Punkt ist zen­tral für uns: Die unge­wöhn­li­che akus­ti­sche Darstellung wis­sen­schaft­li­cher Daten kann näm­lich auch zu Erkenntnissen füh­ren, wel­che beim Publikum immer wie­der Aha‐​Erlebnisse aus­lö­sen.

Zum Beispiel?

Für «HUGO in the Sky» spie­len wir Stücke, die auf Daten basie­ren, wel­che mit der Atmosphäre oder dem Universum in Verbindung ste­hen. Ein Stück haben wir aus dem alten Programm «HUGO hat Töne» bei­be­hal­ten. Darin geht es um eine Vielzahl von Vogelarten, von wel­chen uns Daten über die Grösse ihres Lebensraums und des­sen durch­schnitt­li­che Meereshöhe sowie über die Bedrohung der Art zur Verfügung ste­hen. Das Stück ist so auf­ge­baut, dass das Artensterben aus der Musik her­aus hör­bar wird: Den nach abstei­gen­der Grösse geord­ne­ten Daten über die Lebensräume wer­den Töne zuge­ord­net, die je nach Bedrohung der Art lau­ter oder lei­ser sind. Die letz­te «gespiel­te» Vogelart ist in der Natur bereits aus­ge­stor­ben. Der die­ser Vogelart ent­spre­chen­de Ton erklingt dem­nach sehr laut. Diese Dramatik unter­stüt­zen wir mit einer sehr zurück­hal­ten­den Improvisation, die sich weit­ge­hend auf Hintergrundmusik beschränkt. Dazu spie­len wir par­al­lel Vogelstimmen ein, die teil­wei­se von den immer hek­ti­scher wer­den­den Computertönen ver­deckt wer­den. Die ZuschauerInnen erfah­ren das Vogelsterben so haut­nah. Viele BesucherInnen erzähl­ten nach unse­ren Konzerten, sie hät­ten dabei Gänsehaut bekom­men. Wichtig sind aber die Erklärungen, wel­che dem Publikum den Zugang zu unse­ren Stücken ent­schei­dend erleich­tern.

Worum geht es in den ande­ren Stücken?

Weitere Daten, die wir ver­wen­den, stam­men von der Erdumrundung von Bertrand Piccard in sei­nem Ballon «Breitling Orbiter», von Peildaten eines mit einem Sender aus­ge­rüs­te­ten Storchs, von den Umlaufgeschwindigkeiten der Planeten des Sonnensystems, von einem Swiss‐​Linienflug Kloten – Tokyo oder aus der Klimastation Bern Liebefeld.

Was steht eigent­lich hin­ter dem Namen HUGO?

HUGO ist eine Anlehnung an das inter­na­tio­na­le Programm zur Entschlüsselung des mensch­li­chen Genoms, das den Projekttitel HUGO trug: Human Genome Organisation.

Wie ent­stand die Idee, Naturwissenschaft und Musik zu ver­schmel­zen?

Das Projekt war vor allem die Idee von Daniel Schümperli. Als Molekularbiologe und Improvisationsmusiker ist ihm die Verschmelzung von Wissenschaft und Kunst schon lan­ge ein Anliegen. Durch sei­ne Frau, die bil­den­de Künstlerin ist, fie­len ihm immer wie­der Parallelen zwi­schen Avantgardekunst und Wissenschaft auf. Zwei sol­che Parallelen sind bei­spiels­wei­se die Teamarbeit oder das Arbeitsgebiet: In der Wissenschaft wie in der Avantgardekunst bewegt man sich auf Neuland und wird von der Gesellschaft nur am Rande wahr­ge­nom­men. Mit der Idee, die­se zwei Welten zusam­men­zu­brin­gen, stell­te Schümperli 1996 ein klei­nes Projekt auf die Beine. Unter dem Titel «Naturwissenschaft und Musik» setz­te er zusam­men mit Rudolf von Steiger Daten von Sonnenwindmessungen in Musik um.

Nach einer län­ge­ren Pause ent­stand dann 2001 im Zusammenhang mit dem Festival «Science et cité» das Projekt «HUGO hat Töne» und damit die Umsetzung einer von Daniel Schümperli schon lan­ge geheg­ten Idee: Die Vertonung von Erbstrukturen, den DNA‐​Codes. Die Rückmeldungen nach dem Festival waren der­art posi­tiv, dass ein Engagement das ande­re nach sich zog. Eine klei­ne Europatournee führ­te uns nach Finnland, Litauen und Amsterdam. Im Frühling des ver­gan­ge­nen Jahres spiel­ten wir auch im Rahmen der Ausstellung «GENESIS – Kunst der Schöpfung» im Zentrum Paul Klee Bern.

Die Vorstellung von Phytagoras, dass das Universum nach den glei­chen Verhältnissen wie die Töne unter­ein­an­der geord­net sei, ist ein his­to­ri­sches Beispiel dafür, dass es schon frü­her Versuche gab, Musik und Wissenschaft zu ver­bin­den. Wie steht HUGO zu die­ser Tradition?

Wir wis­sen zwar, dass es frü­he­re Versuche gab und auch immer noch gibt, Musik und Wissenschaft zusam­men zu füh­ren. Es war aber nie in unse­rem Sinne, die­se Tradition auf­zu­neh­men oder gar bewusst wei­ter­zu­füh­ren. Vielmehr begann unser Projekt aus einer eige­nen Motivation: Musikinteressierte soll­ten einen neu­en, unver­hoff­ten Zugang zu wis­sen­schaft­li­chen Informationen erhal­ten. Auf der ande­ren Seite eröff­nen wir den an Wissenschaft Interessierten einen Zugang zu neu­er Musik, spe­zi­ell zu impro­vi­sier­ter Musik.

Welche Rolle spielt die Improvisation inner­halb eures Projektes? Dient sie zur Emotionalisierung der tro­cke­nen Daten?

Wir sehen die Improvisation als ent­schei­den­den Motivationsfaktor. Sie stellt unse­ren musi­ka­li­schen Hintergrund dar und stand so als fixe Gegebenheit am Beginn unse­res Projekts. Die frei­en Elemente ent­ste­hen im Wechselspiel zwi­schen Lukas Frey und Daniel Schümperli (neu­er­dings impro­vi­siert auch Rudolf von Steiger ver­mehrt mit Computermusik‐​Elementen). Die Instrumente Klarinette und Kontrabass lie­gen klang­lich sehr nahe bei­ein­an­der. Oftmals ver­we­ben sich die bei­den Instrumente in ein ein­zi­ges «Hyper‐​Instrument». Wir bedie­nen uns die­ser Nähe teil­wei­se auch als Stilmittel.

Und war­um kom­po­niert ihr die Musik nicht?

Unsere Stücke sind eigent­li­che Zwiegespräche zwi­schen einer com­pu­ter­ge­ne­rier­ten Sound‐​Welt und im Moment kre­ierter, impro­vi­sier­ter Musik. Wir ver­ste­hen unse­re Musik als eine Art Malerei, wel­che das Stück ver­stär­ken und ver­deut­li­chen soll, und nicht, wie ande­re, als ele­men­ta­re Komponente, die mit viel Aufwand durch­pro­du­ziert und -kom­po­niert wird. Was aber immer ein ent­schei­den­der Faktor bleibt: Am Schluss wol­len wir ein inter­es­san­tes Stück und ein abwechs­lungs­rei­ches Gesamtprogramm, das ver­mit­telt, zum Nachdenken anregt und auch unse­re Spielfreude spür­bar macht.

Daniel Schümperli, Lukas Frey und Rudolf von Steiger, vie­len Dank für das Gespräch.

Foto: Daniel Schümperli
ensui­te, April 2009

FacebooktwitterlinkedinFacebooktwitterlinkedin
Artikel online veröffentlicht: 13. August 2018