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Lukas, darüber müssen wir sprechen

Brief von Karl Schübach – Im Editorial der Oktober‐​Nummer ensui­te (Seite 5) ver­ur­teilst Du – in Deiner gewohnt bril­lan­ten Art und Weise – die Tatsache, dass die Kulturförderung nicht von Fachleuten bear­bei­tet wird, bis hin zu fäl­li­gen Entscheiden. Du kri­ti­sierst, dass damit Menschen in künst­le­ri­schen Bereichen arbei­ten, ohne dazu über die nöti­ge Qualifikation zu ver­fü­gen. Wie oft war die­se lei­di­ge Fremdbestimmung von Profis durch Laien für mich Gegenstand von Artikeln in Deinem Kulturmagazin ensui­te? Damit wird klar, dass Du mir völ­lig aus dem Herzen sprichst… wenn da nicht die Folgerungen wären, die Du aus Inkompetenzen im Bereiche der Kulturförderung ziehst.

Darf ich Dich zitie­ren? «Dies wie­der­um führt zu obsku­ren Zahlenschlachten. An einem Ort wer­den Millionen in die Kulturförderung inves­tiert, mit dem Resultat, dass so geför­der­te Institutionen vie­le MitarbeiterInnen mit hohen Löhnen anstel­len, aber künst­le­risch kaum von sich reden machen. Man redet dann von <Arbeitsplatzbeschaffung> und <Wirtschaftsförderung>». Wenn Du, in Bezug auf Bern, von hoch sub­ven­tio­nier­ten Institutionen sprichst, denkst Du sicher an das Stadttheater, das Berner Symphonieorchester (BSO), das Zentrum Paul Klee, das Kunstmuseum und das Historische Museum. 37 Jahre lang habe ich im BSO als Geiger gear­bei­tet, die­se künst­le­ri­sche Arbeit bedeu­te­te für mich stets auch die Verpflichtung, dass der Beruf des Berufsmusikers auch in Bern die Anerkennung fin­det, die ihm zukommt. Du wirst also sicher­lich ver­ste­hen, dass ich mich im Folgenden auf das BSO und sein Umfeld beschrän­ke. Die pro­ble­ma­ti­schen Zustände im Stadttheater sind mir zwar bekannt, mich zu den Museen zu äus­sern, wäre aber ver­mes­sen.

Das BSO beschäf­tigt vie­le MitarbeiterInnen mit hohen Löhnen! Mit Leichtigkeit wür­de die Entkräftung die­ser Behauptung den Stoff für einen gan­zen Artikel abge­ben.

Lukas, lass mich an die­ser Stelle einen klei­nen Kunstgriff anwen­den: ich möch­te mich gleich­zei­tig auch an eine brei­te Leserschaft wen­den. Ich beschrän­ke mich an der Stelle auf die leicht beweis­ba­re Tatsache, dass die Arbeit von Orchestermusikerinnen und Musikern in die Kategorie von aka­de­mi­schen Berufen ein­zu­ord­nen ist. Vor vie­len Jahren habe ich die­se Tatsache mit Hilfe von nam­haf­ten Wissenschaftlern belegt, heu­te genügt der Hinweis dar­auf, dass die Musikhochschulen den Abschluss einer Matura vor­aus­set­zen. Oben habe ich von Anerkennung gespro­chen, dazu gehört unab­ding­bar auch die Entlöhnung. Dazu die fol­gen­den – bit­te­ren – Zahlen: in Bern ver­dient ein Mitglied des BSO im Maximum Netto Fr. 6100.- pro Monat! Dies bezieht sich auf MusikerInnen ohne jeg­li­che Zulage, sie machen ziem­lich genau die Hälfte des Orchesterbestandes aus. Die ande­re Hälfte bezieht, als Entlöhnung einer solis­ti­schen Tätigkeit inner­halb des Orchesters eine Funktionszulage. Ihre Gage ver­bes­sert sich damit, gewis­se Proportionen müs­sen natür­lich gewahrt blei­ben, also ist auch ihr Gehalt viel zu tief. 6100 Franken – ein hoher Lohn?

«… aber künst­le­risch kaum von sich reden machen». Gestützt auf mein pro­fes­sio­nel­les Urteilsvermögen, bestrei­te ich ent­schie­den die Aussage, das BSO ver­fü­ge kaum über künst­le­ri­sche Ausstrahlung. Zur Erhärtung die­ser durch nichts zu erschüt­tern­den Sicherheit mei­ner Meinung stel­le ich mir ver­schie­de­ne Gespräche vor:

Sie sind vom Fach, da gibt es kei­nen Zweifel dar­über, dass Sie mei­ne Meinung über die hohe künst­le­ri­sche Qualität des BSO tei­len. Das ist nicht so abs­trakt, wie Sie viel­leicht glau­ben: vor eini­ger Zeit ist das BSO in Salzburg auf­ge­tre­ten. Ehemalige Studien‐ und Berufskollegen von mir waren von dem Konzert höchst begeis­tert.

Sie sind ein regel­mäs­si­ger Konzertbesucher mit oder ohne beson­de­re Voraussetzungen. Wenn das Dargebotene Ihren Beifall fin­det, machen Sie dar­aus kein Geheimnis. Wenn nicht ste­hen Sie dazu, aber – wich­tig. Sie lei­ten dar­aus kei­ne Verurteilung des Orchesters ab, viel­leicht suchen Sie das Gespräch mit einem Profi. mit ent­spre­chen­den Fragestellungen. Ich bin dank­bar dafür, dass ich dies­be­züg­lich über eine rei­che Erfahrung ver­fü­ge.

Sie stüt­zen sich bei der Beurteilung des Leistungsstandes des BSO auf die Bernische Presse. Dann sind Sie für mich ein hoff­nungs­lo­ser Fall. Es wird mir nicht gelin­gen Sie davon zu über­zeu­gen, dass die Berichterstattungen der bei­den Berner Zeitungen (BZ und Der Bund) bezüg­lich der Neuorientierung der Zusammenarbeit zwi­schen dem Orchester und dem Stadttheater äus­serst ten­den­zi­ös und BSO feind­lich aus­fällt. Fragen Sie mich nicht nach den Gründen! Dazu kommt, dass in bei­den Zeitungen immer wie­der Konzert‐​Kritiken gedruckt wer­den, die in ihrer Laienhaftigkeit schon lächer­lich sind.

Lassen wir das, Lukas, wie­der zu Dir zurück. Lass uns die bei­den unver­gess­li­chen Konzerte unter der Leitung von Mario Venzago und Eliahu Inbal ins Zentrum unse­rer Betrachtung stel­len, stell­ver­tre­tend für vie­le ande­re, und in der Sicherheit, dass wei­te­re sol­che Beweise höchs­ter Qualität fol­gen wer­den

«Arbeitsplatzbeschaffung» und «Wirtschaftsförderung».

Die Äusserung, die Kulturförderung spre­che in Bezug auf gros­se Institutionen, in unse­rem Falle lies BSO, von Arbeitsplatzbeschaffung, stimmt trau­rig. Die Realität sieht völ­lig anders aus: die von Sparwut getra­ge­nen Vorgaben für die Neugestaltung der Subventionsverträge sehen für das BSO den Abbau von 500 Stellenprozenten vor.

Es ist nicht mei­ne Erfindung, ich zitie­re Fachleute: Wirtschaftsförderung heisst vor allem inves­tie­ren. Wie ver­trägt sich das mit der Forderung, dass die Neugestaltung der Zusammenarbeit zwi­schen dem BSO und dem Stadttheater kei­nen Franken mehr kos­ten darf? Zu allem Überfluss wird die­se Doktrin noch als Massnahme für eine Qualitätssteigerung ver­kauft!

Die Friedenspfeife erlischt nie.

Lieber Lukas, Du weißt seit lan­ger Zeit, wie sehr ich Dich und Deine uner­müd­li­che Arbeit für ensui­te schät­ze. Darum wirst Du die vor­lie­gen­den Zeilen kei­ne Sekunde lang als Polemik ver­ste­hen. Sie wur­den aus der Sorge her­aus geschrie­ben, dass sich die Freie Kulturszene und die gros­sen Kulturinstitute nie­mals bekämp­fen soll­ten. Ich weiss, dass Vertreter der Freien Szene oft von Existenzproblemen gequält wer­den. Es wür­de sich aber loh­nen, ein­mal die Vorteile eines frei­schaf­fen­den Künstlers gegen­über einem Mitglied einer gros­sen Institution aus­zu­leuch­ten. Wenn dabei ein Konsens ent­ste­hen könn­te, wür­de dies gewis­sen Politikern das Instrument des divi­de et impe­ra aus der Hand schla­gen!

In die­sem Sinne, lie­be Grüsse, Karl.

Foto: zVg.
ensui­te, November 2010

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Artikel online veröffentlicht: 3. December 2018