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Potemkinsche Dörfer und wirkliche Schätze

Von Simone Wahli - Obwohl man bzw. frau in jeg­li­chem Reiseführer davor gewarnt wird, auf den Strassen Petersburgs und Moskaus Highheels zu tra­gen, stö­ckeln Russinnen jeden Alters auf gefähr­lich hohen Hacken über das maro­de Pflaster. Das Modediktat ist gene­rell ein extrem Westliches, wobei alles brand­neu zu sein hat, da es andern­falls als alt­mo­disch gilt. So schaf­fen es Modeketten wie Morgan und Tom Taylor, die bei uns eher zu den Billiganbietern gehö­ren, in Russlands berühm­tes­tes Kaufhaus GUM (Gosndarstweny Universalny Magasin), das am Roten Platz liegt und in des­sen im 19. Jahrhundert erbau­ten Gebäuden mit einer spek­ta­ku­lä­ren glä­ser­nen Dachkonstruktion sich über 1000 Geschäfte befin­den.

Auffallend ist, wie deut­lich nicht nur der aus­län­di­sche Reisende, son­dern auch der Russe selbst, zwi­schen Moskau und dem übri­gen Russland unter­schei­det. Wurde die Grenze frü­her durch den Ural mar­kiert, ist es heu­te die Macht des Geldes, die die Hauptstadt zu ihrem neu­en Zentrum aus­er­ko­ren hat. Und tat­säch­lich, der Rubel rollt auf Moskaus Strassen. Während das Strassenbild in Petersburg noch deut­lich von Wolgas und Ladas geprägt ist, fährt der Mann von Welt in Moskau das neu­es­te BMW‐​7er‐​Modell in Schwarz, mit ver­dun­kel­ten Scheiben, mög­lichst mit Chauffeur, eskor­tiert von Sicherheitsbeamten.

Im Gegensatz zu der Dynamik Moskaus, das den Vergleich mit west­li­chen Grossstädten in keins­ter Weise zu scheu­en braucht, nimmt sich das immer­hin bei­na­he sechs Millionen Einwohner zäh­len­de Petersburg eher beschau­lich, und man ist bei­na­he ver­sucht zu sagen, rück­stän­dig aus. Obwohl es an gros­sen Museen kaum zu über­bie­ten ist, soll­te man hier eher die klei­ne­ren besu­chen, bei­spiels­wei­se die “Kunstkamera”, eine volks­kund­li­che Sammlung Peters des Grossen, in der auch eine Unzahl defor­mier­ter Föten zu sehen sind oder das Arktis/​Antarktis‐​Museum. Natürlich muss man die Ermitage sowie Zerskoje Selo mit dem berühm­ten Bernsteinzimmer ein­fach gese­hen haben, jedoch sind die­se mass­los über­teu­ert und zum Teil etwas über­re­stau­riert wobei auch hier ein inter­es­san­ter Gegensatz zwi­schen prunk­vol­len Fassaden und trau­ri­gen Hinterhöfen fest­zu­ma­chen ist.

Kulinarisch soll­te man sich sowohl in Petersburg als auch in Moskau an die rus­si­sche Küche, sowie Sushi, das unglaub­lich popu­lär ist, und asia­ti­sche Gerichte hal­ten. Die ita­lie­ni­sche Küche, die wir genos­sen haben, kön­nen wir auf jeden Fall nicht wei­ter­emp­feh­len. Erkenntnisse über das Nachtleben in Peterburg beschrän­ken sich auf eine Kluberfahrung im “Tunnel”, einem reno­vier­ten Bunker, des­sen Publikum aus­neh­mend jung und des­sen DJ’s lei­der nicht erst­klas­sig sind.

In Moskau ist das “Proekt OGI” nicht gera­de ein Muss, aber doch ein guter Ort, um Leute ken­nen­zu­ler­nen. Hierbei han­delt es ich um ein rund um die Uhr geöff­ne­tes Buchcafe mit angren­zen­der Bar, in der auch Konzerte statt­fin­den. Das Bier ist bil­lig und das Publikum vor allem ein Studentisches, obwohl wir hier auch einen Business Meni ange­trof­fen haben.

Bislang haben wir immer in Homestays Unterkunft gefun­den und kön­nen die­se Erfahrung nur wei­ter­emp­feh­len, auch wenn man hier mit deut­li­chen Unterschieden bezüg­lich Standard und Hygieneverhältnissen zu rech­nen hat. Dies schmä­lert aber nicht das Erlebnis, mit “ech­ten” Russen in Kontakt zu kom­men, die wir durch­wegs als offen und warm­her­zig erlebt haben, obwohl wir uns nicht immer in einer uns gemein­sam ver­ständ­li­chen Sprache ver­stän­di­gen konn­ten. Auf jeden Fall hin­dern unse­re spär­li­chen Russischkenntnisse, die sich jetzt doch schon auf etwa dreis­sig Woerter belau­fen, die Russen nicht dar­an, uns in Russisch man­nig­fal­ti­ge Dinge mit­zu­tei­len. Generell ist man ohne gutes Englisch und zumin­dest ein paar Wörter auf Russisch sowie der Kenntnis des kyril­li­schen Alphabets als Individualtourist schlecht bedient. Obwohl in Russland ent­we­der Deutsch oder Englisch als Fremdsprache unter­rich­tet wird, sind es vor allem jun­ge Leute sowie die­je­ni­gen, die in irgend­ei­ner Form mit Touristen zu tun haben, die tat­säch­lich eine Fremdsprache beherr­schen.

Am zehn­ten Tag unse­rer Reise haben wir nachts um elf Uhr dreis­sig Moskauer Zeit unser Abteil in der Transsibirischen bezo­gen. Nach kur­zer Zeit war unser Schlaf/​Wach‐​Rythmus schon völ­lig durch­ein­an­der gera­ten, auf der Fahrt bis Irkutsk durch­läuft der Reisende immer­hin fünf Zeitzonen. Die vier Tage im Zug durch­leb­ten wir rela­tiv ein­tö­nig mit Schlafen, Essen, Lesen, sich im Speisewagen mit Wodka betrin­ken und den vor­bei­zie­hen­den Birkenwäldern zuse­hend, die nur ab und an von Bauerndörfern abge­löst wur­den. Ich war unter­wegs schon ver­sucht zu sagen, dass es in Russland nur Birken geben müs­se. Doch wir pas­sier­ten auf unse­rer Reise auch den Ural und Städte wie Jekaterinenburg, Omsk, Novosibirsk und Krasnojarsk mit dem Jenissej.

In unse­rem Reiseführer hat gestan­den, dass bei jedem Halt von den Babuschkas der Umgebung land­wirt­schaft­li­che Produkte feil­ge­bo­ten wer­den. Dies bezieht sich aber wahr­schein­lich eher auf die Sommermonate, denn bei uns gab’s ledig­lich Puppen und ande­res Spielzeug sowie Softgetränke, Bier und Schokolade zu kau­fen.

Unterwegs wur­den wir vom ers­ten Schnee über­rascht und stell­ten uns inso­fern auf eine Temperatur um den Gefrierpunkt in Irkutsk ein. Anders als erwar­tet betrug die Temperatur bei unser Ankunft aber 15 Grad und das Wetter war son­nig und wol­ken­los. Irkutsk, mit 650’000 Einwohnern eine Metropole Sibiriens, ist neben dem Dorf Listwjanka der nächst­ge­le­ge­ne Ort am Baikalsee. Trotz ihrer Einwohnerzahl erscheint die Stadt wesent­lich klei­ner als sie ist, dies mag dar­an lie­gen, dass ein Zentrum bis auf die sich kreu­zen­de Leninstrasse und Karl Marx Strasse prak­tisch kaum exis­tent ist. Dennoch ist die Atmosphäre der Stadt sehr anhei­melnd. Charakteristisch für das Strassenbild sind die sibi­ri­schen Holzhäuser mit ihren rei­chen Verzierungen. Diese Tradition geht auf das 19. Jahrhundert zurück, wird aber nach wie vor prak­ti­ziert. Sehr zu emp­feh­len sind hier die bei­den Dekabristenmuseen. Falls man jedoch nicht zu den Dekabristenspezialisten zählt, ist eine Führung in Englisch unum­gäng­lich, da die weni­gen Fotos und Möbel allein nicht aus­sa­ge­kräf­tig genug und die Bildlegenden nur in rus­si­scher Sprache sind.

Wer ein­mal ech­tes Sowjet‐​Feeling erle­ben möch­te, der soll­te sich in die “Blinnaja” bege­ben, eine kan­ti­ne­ar­ti­ges Selbstbedienungsrestaurant in oran­ge und blau, wo es erstaun­li­cher­wei­se eine eng­li­sche Speisekarte gibt und Blini und Pelmeni mit einem zusätz­li­chen Getränk gera­de mal 2,50 Franken kos­ten.

Mit unse­rer Unterkunft in Irkutsk bei Jack Sheremetoff und sei­ner Freundin Elena hat­ten wir gros­ses Glück: Nicht nur lern­ten wir bei unse­rer Ankunft den ein­zi­gen sibi­ri­schen Schamanen Valentin ken­nen, son­dern Jack stell­te sich auch als einer der bes­ten Tourenführer vor Ort her­aus, der aus­ser­dem ein erstaun­lich gutes Englisch spricht. Obwohl wir kei­ne Tour geplant hat­ten, konn­ten wir zu einer sol­chen Gelegenheit natür­lich nicht nein sagen, und so bra­chen wir an unse­rem drit­ten Tag in Irkutsk gemein­sam mit Jack zur Baikalinsel Olchon auf, die etwa 250 Kilometer von der Stadt ent­fernt, etwa in der Mitte des Sees liegt. Die Fahrt führ­te zunächst durch eine nahe­zu baum­lo­se Landschaft, in der vor allem Viehwirtschaft (Kühe, Pferde) betrie­ben wird, wei­ter durch Ausläufer der Taiga. Nach wei­te­ren baum­lo­sen Hügelzügen konn­ten wir das Blau des Baikalsees schon schim­mern sehen.

Der Baikal ist tat­säch­lich mit nichts, was wir bis­lang auf Reisen gese­hen haben, ver­gleich­bar. Dies mag zum Teil an der ende­mi­schen Tierwelt lie­gen (der Baikalrobbe, den Fischen Omul und Golemjanka) sowie an der Spiegelglätte, die der Seeoberfläche an wind­stil­len Tagen eigen ist, aber auch an der vor allem von Pinien gepräg­ten Vegetation, die uns eher an den Süden Europas als an ein rau­hes Sibirien den­ken lässt.

Die Vegetation der Insel selbst wird vor allem durch die baum­lo­sen Hügel geprägt, auf der Alpenblumen wie das Edelweiss in einer Unzahl zu fin­den sind. Im Hauptdorf Khuzir, das etwas über 1000 Einwohner hat, fin­den wir Unterkunft bei einer Fischerfamilie, die sich mit der Unterbringung von Touristen ein Zubrot zu ihrem Lebensunterhalt ver­dient. Die Strassen des Dorfes sind aus Sand und vor jedem Haus bellt ein Hund, Kühe wan­dern durch das Dorf, Menschen sieht man kaum. Dies alles trägt zum sur­rea­len Charakter des Ortes bei.

Berühmt ist Khuzir neben sei­nem gutem Fisch vor allem für den Schamenenfelsen, eine in den See ragen­de halb­in­sel­ar­ti­ge Felsformation, bei der es sich um den hei­ligs­ten Ort der Buriats, einem mon­go­li­schen Volksstamm, han­delt. Der Schamane Valentin ist jedoch davon ueber­zeugt, dass in den lan­gen Jahren des repres­si­ven Sowjetregimes die Geister den Felsen in Richtung des höchs­ten Punktes der Insel ver­las­sen haben.

Das Dorf ver­fügt weder über flies­sen­des Wasser noch über eine dau­ern­de Stromversorgung, nur abends gibt es für ein paar Stunden Strom von einem Dieselgenerator. Dieser Umstand ist jedoch nicht auf die Rückständigkeit Khuzirs zurück­zu­füh­ren – vor der Perestroika gab es Elektrizität für alle. Nach der Perestroika ver­lo­ren vie­le Leute ihre Arbeit in den Kolchosen und in der orts­an­säs­si­gen Fischfabrik. Dies führ­te dazu, dass Kabel aus dem bestehen­den Stromnetz gestoh­len wur­den, um sie zu Geld zu machen. Anhand die­ses Beispiels wird deut­lich, wes­halb Gorbatschow aus der Perspektive der rus­si­schen Bevölkerung, der es heu­te zum Teil schlech­ter geht als frü­her, nicht die­sel­be “Heldenfunktion” zukommt wie im Westen. Erst die nächs­ten Jahrzehnte wer­den zei­gen, ob sich der Umbruch Russlands für alle als loh­nens­wert erweist.

So viel zu den ers­ten drei Wochen unse­rer Reise – heu­te Abend ver­las­sen wir Irkutsk bereits wie­der in Richtung Mongolei. In der nächs­ten Ensuite‐​Ausgabe fol­gen Eindrücke aus der Mongolei und China.

Originaltitel des Artikels: Objects may be clo­ser than they appe­ar – Teil 1, Potemkinsche Dörfer und wirk­li­che Schätze, Reisenotizen auf dem Weg von Russlands Westen bis nach Südost‐​Asien (1. bis 22. Oktober 2004)

Bild: ortho­do­xe Kirche in Irkutsk, Wikipedia
ensui­te, November 2004

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Artikel online veröffentlicht: 22. Mai 2017