• zurück

Tanz­päd­ago­gen mit Lei­den­schaft

Von Syl­via Mut­ti – Seit rund einem Jahr führt das Tän­zer­paar Gabri­el und Britt­ney Ote­v­rel im Her­zen von Bern eine Bal­lett­schu­le mit einem brei­ten Kurs­an­ge­bot unter­schied­li­cher Niveaus von der tän­ze­ri­schen Früh­erzie­hung bis zu Open Clas­ses, von klas­si­schem Tanz über Con­tem­pora­ry Dance bis zu Akro­ba­tik für Kin­der. Ein Gespräch über Päd­ago­gik und die Freu­de am Tanz.

Über dem Spie­gel des Bal­lett­saals steht in sil­ber­nen Buch­sta­ben ein Zitat von Mata Hari geschrie­ben: «Der Tanz ist ein Gedicht und jede Bewe­gung ist ein Wort» Was bedeu­tet Dir die­se Zei­le? 

Gabri­el Ote­v­rel (GO): Wir haben die­se Wor­te gewählt, weil sie für jeder­mann, vom Lai­en bis hin zum Pro­fi, sehr ein­fach zu ver­ste­hen sind. Tanz besteht nicht nur aus einem ein­zel­nen Ele­ment, es wer­den vie­le Bewe­gun­gen anein­an­der­ge­reiht, hin­zu gesel­len sich die Gefüh­le, wor­aus sich schliess­lich ein Gan­zes ergibt. Tanz ist mehr als blos­se Bewe­gung, er drückt das gesam­te Leben aus, dazu gehö­ren auch die See­le, Gefüh­le, Lei­den­schaft und die Lie­be.

Der Satz soll die Schü­ler und Schü­le­rin­nen inspi­rie­ren, die hier trai­nie­ren?

GO: Ja. Der Spruch, den ich eigent­lich zuerst anbrin­gen woll­te, stammt von Mau­rice Béjart: «In mei­nem Leben sehe ich mei­ne Wer­ke und in mei­nen Wer­ken sehe ich mein Leben.» Für mich war die­ser Spruch sehr per­sön­lich, doch ist er viel­leicht zu abs­trakt, als dass jeder ihn erfas­sen könn­te. Tän­zer sein ist ein Lebens­stil. Der Tanz ist sehr viel­schich­tig. Erst nach vie­len Jah­ren der Zusam­men­ar­beit mit ver­schie­de­nen Cho­reo­gra­fen und Päd­ago­gen beginnt man, die­se Viel­fäl­tig­keit zu ver­ste­hen.

Seit rund einem Drei­vier­tel­jahr seid Ihr nun in Bern. Ihr habt die­se Schu­le von Jiri Halam­ka nach dem Tod sei­ner Frau Iva­na über­nom­men, obwohl Ihr eben gera­de ein Enga­ge­ment als Cho­reo­gra­fen beim Alas­ka Dance Thea­t­re ein­ge­gan­gen seid. Was hat Euch dazu gebracht, den­noch nach Bern zu kom­men?

GO: Für mich als Tän­zer, der eine inter­na­tio­na­le Kar­rie­re gehabt hat, war der Beruf auch mit einem Zigeu­ner­le­ben ver­bun­den. Selbst wenn man fest bei einer Com­pa­gnie enga­giert ist, ist man mal hier, mal dort, auf Tour­nee, stän­dig unter­wegs. Man lebt immer sehr unge­wiss und sehr im Moment, weiss nie ganz genau, was in einem Jahr oder in zwei Jah­ren pas­siert. Unter sol­chen Umstän­den ist eine Lebens­pla­nung nicht wirk­lich mög­lich. Die ver­gan­ge­nen fünf Jah­re waren für uns bei­de ein stän­di­ges Hin und Her zwi­schen zwei Kon­ti­nen­ten, auf denen man ver­such­te, die Arbeit als Tän­zer, Leh­rer, Bal­lett­meis­ter und Cho­reo­graf mit­ein­an­der zu ver­bin­den. Nun sind wir in unse­rem Leben an einen Punkt ange­langt, ins­be­son­de­re durch die Geburt unse­res Soh­nes, wo wir ger­ne hät­ten sagen kön­nen: Hier wol­len wir blei­ben, hier kön­nen wir für die Zukunft pla­nen.

Aus­ser­dem ist die Arbeit an einer Bal­lett­schu­le und am Thea­ter grund­ver­schie­den. In den letz­ten fünf Jah­ren haben wir an der Schu­le mei­ner Eltern in Augs­burg und in Form von Gast­spie­len für ande­re Tanz­or­ga­ni­sa­tio­nen und Kom­pa­ni­en mit pro­fes­sio­nel­len Tanz­schaf­fen­den als Gast­cho­reo­gra­phen und Tän­zer gear­bei­tet. Die­se bei­den Berei­che sind grund­ver­schie­den und sind mit­ein­an­der nicht zu ver­glei­chen oder zu ver­bin­den. Sie bedin­gen eine inne­re Umstel­lung. Schliess­lich ist alles im Leben ein Pro­zess und was frü­her, als man sel­ber noch als Pro­fi aktiv war, wich­tig gewe­sen ist, ist heu­te nicht mehr wesent­lich. Das Wis­sen dar­um, wäh­rend der akti­ven Lauf­bahn am Thea­ter getanzt und mit den­je­ni­gen Künst­lern gear­bei­tet zu haben, mit denen man woll­te und sich erträum­te, unter­stützt die inne­re Befrie­di­gung und Zufrie­den­heit. Heu­te geht es mir dar­um, mit Leu­ten zu arbei­ten die Freu­de am Tan­zen haben, egal, ob Anfän­ger, Fort­ge­schrit­te­ne oder Pro­fis.

Britt­ney Ote­v­rel (BO): In Bern lebt man sich sehr schnell und leicht ein weil die Men­schen sehr ange­nehm sind. Auch die Leu­te in der Schu­le sind ganz anders drauf als in ande­ren Schu­len, an denen wir bis­her unter­rich­tet haben. Sie wol­len ler­nen, sind moti­viert und das macht Spass.

Es ist nicht das ers­te Mal, dass Du, Gabri­el, in der Schweiz bist. Du hast in Basel unter Spör­li getanzt und in Lau­sanne bei Béjart. Im Ein­gangs­be­reich hängt ein Por­trät­fo­to von ihm. Was bedeu­tet Dir die­ser Leh­rer und Cho­reo­graf?

GO: Béjart hat nicht nur als Tän­zer son­dern auch als Mensch sehr viel zu mei­ner Ent­wick­lung bei­getra­gen. Er sprüh­te vor Zita­ten. Sein Vater war der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Gas­ton Ber­ger, mit dem sich Mau­rice immer wie­der aus­tausch­te. Béjart phi­lo­so­phier­te oft beim Cho­reo­gra­fie­ren, das war sei­ne Art, wie er sei­ne Arbeit den Tän­zern nahe brach­te und wie sich die­se wei­ter­ent­wi­ckel­te. Er hat mir vie­les gesagt, was mir im Leben wei­ter­ge­hol­fen hat. Des­we­gen ist es mir wich­tig, sein Bild zu sehen, wenn ich täg­lich hier rein­kom­me.

Die ers­te Inspi­ra­ti­on, die Du erfah­ren hast, stammt aller­dings von Dei­nen Eltern. Sie waren Dei­ne ers­ten Leh­rer. Was haben sie Dir bei­gebracht oder, anders gefragt, was macht einen guten Tanz­päd­ago­gen aus?

GO: Es gibt zwar vie­le Leh­rer, aber es gibt nur weni­ge gute Leh­rer, die auch gute Päd­ago­gen sind. Das ist für mich ein Unter­schied. Ein guter Leh­rer, der auch ein Päd­ago­ge ist, kann nicht nur eine Tech­nik ver­mit­teln son­dern auch eine Phi­lo­so­phie, die er sich in sei­ner lang­jäh­ri­gen Tän­z­erlauf­bahn ange­eig­net hat. Aus­ser­dem ist es wich­tig, die «alte Schu­le» mit dem revo­lu­tio­nier­ten «moder­nen» Tanz und sei­ner Tech­nik ver­bin­den zu kön­nen. Prä­gend war sicher die Geschich­te mei­ner Eltern, die damals mit Nichts vom Osten, aus der Tsche­cho­slo­wa­kei, in den Wes­ten geflo­hen sind und sich dann durch viel Arbeit und Lei­den­schaft etwas auf­bau­en konn­ten. Tanz war ihr Leben und sie haben sich durch nichts unter­krie­gen las­sen, es ging immer irgend­wie vor­an. Die­se Ener­gie für Arbeit spü­re ich auch in mir. Sie haben mir vor­ge­lebt, nicht auf­zu­ge­ben. Mei­ne Eltern unter­rich­ten nach der Vaga­no­va-Tech­nik und waren inso­fern sehr gute Päd­ago­gen als sie wuss­ten, wie mit ver­schie­de­nen Kör­pern zu arbei­ten ist und es auch ver­stan­den, eine Phi­lo­so­phie in ihren Unter­richt mit­ein­zu­be­zie­hen und wei­ter­zu­ge­ben. Ein guter Päd­ago­ge oder Leh­rer soll sei­ne Schü­ler füh­ren und auf jeden spe­zi­ell ein­ge­hen kön­nen, denn jeder Kör­per ist anders gebaut und jedes Kind oder jeder Tän­zer hat eine ande­re Per­sön­lich­keit. Unter­rich­tet man an einer Aka­de­mie, kann man sich die Kin­der aus­su­chen, die für eine bestimm­te Tech­nik die erfor­der­li­chen kör­per­li­chen Bedin­gun­gen mit­brin­gen. An einer pri­va­ten Bal­lett­schu­le muss die Tech­nik dage­gen des Öfte­ren ver­än­dert wer­den, damit auch Schü­ler, die den Tanz nicht als Pro­fi anstre­ben wol­len, Fort­schrit­te erzie­len kön­nen. Ein guter Päd­ago­ge ent­wi­ckelt sich erst mit der Zeit, das ist ein Pro­zess, der wäh­rend vie­len Jah­ren viel Erfah­rung und Wis­sen mit sich bringt.

Einen Schwer­punkt Eurer Bal­lett­schu­le bil­det die tän­ze­ri­sche Früh­erzie­hung. Was macht man mit Kin­dern, die vier, fünf Jah­re alt sind? 

BO: Ganz wich­tig ist, dass Kin­der Freu­de am tan­zen fin­den und die­se behal­ten. Man darf nicht zu früh mit der Arbeit an der Stan­ge begin­nen oder mit dem Bal­lett­vo­ka­bu­lar. Ich erzäh­le klei­ne, bild­haf­te Geschich­ten, die sie spie­le­risch mit dem Köper umset­zen, ohne dass sie aber wis­sen, was sie dabei ler­nen: die Posi­tio­nen, Kör­per­span­nung, gute Hal­tung, Koor­di­na­ti­on. Ich ach­te bei­spiels­wei­se immer dar­auf, dass die Kin­der am Anfang und am Schluss jeder Übung ruhig daste­hen, damit sie sich dar­an gewöh­nen, sich von Anfang bis Ende zu kon­zen­trie­ren. Über Rhyth­mus-Spie­le mit klat­schen, stamp­fen oder sprin­gen wird bei­spiels­wei­se Musi­ka­li­tät geför­dert, ande­res dient dazu, das Gedächt­nis zu trai­nie­ren.

Für die Klei­nen ist es wahn­sin­nig anstren­gend, den Kör­per zu koor­di­nie­ren. Man glaubt nicht, wie schwie­rig es sein kann, auf einem Bein zu ste­hen.

GO: Es ist eigent­lich wie bei den Erwach­se­nen: Die Bewe­gung muss vom Kopf in den Kör­per und dann in die Mus­ku­la­tur über­ge­hen. Der Kör­per erin­nert sich dar­an. Es ist ein­mal ein Mäd­chen mit moto­ri­schen Stö­run­gen zu uns in den Unter­richt gekom­men, und es frag­te sich zunächst, ob sie die Stun­de über­haupt wird mit­ma­chen kön­nen. Nach eini­ger Zeit in der tän­ze­ri­schen Früh­erzie­hung haben sich die Bewe­gungs­stö­run­gen zwar nicht ein­ge­stellt, doch deut­lich ver­rin­gert.

BO: Wol­len Kin­der eine Übung erfolg­reich schaf­fen, müs­sen sie auf die Kor­rek­tur hören. Sie sind begeis­tert, wenn sie auf ein­mal auf einem Bein ste­hen kön­nen, wäh­rend es vor paar Sekun­den noch nicht geklappt hat und mer­ken sehr schnell, was sie machen müs­sen, damit eine Übung funk­tio­niert oder schön aus­sieht. Spä­ter müs­sen sie nicht mehr bewusst dar­über nach­den­ken, denn der Kör­per macht alles von allei­ne. Und weil wir das eben auf eine spie­le­ri­sche Wei­se ein­üben, wis­sen die Kin­der gar nicht, dass sie eigent­lich die Tech­nik für spä­ter ler­nen. In der tän­ze­ri­schen Früh­erzie­hung geht es zunächst ein­fach dar­um, den eige­nen Kör­per ken­nen­zu­ler­nen und die Bewe­gun­gen zu kon­trol­lie­ren, was auch hilf­reich ist, wenn man spä­ter ande­re Tanz­ar­ten ler­nen will. Aus­ser­dem trai­niert der Tanz bei­de Kör­per­sei­ten glei­cher­mas­sen, wäh­rend im All­tags­le­ben, vor allem bei Rechts­hän­dern, über­wie­gend die rech­te Sei­te ver­wen­det wird.

Wie kommt es, dass so vie­le Kin­der – und wir reden natür­lich vor allem von Mäd­chen – mit Bal­lett begin­nen aber, sobald es schwie­rig wird, wie­der damit auf­hö­ren? Wis­sen Mäd­chen von vier Jah­ren über­haupt, was Bal­lett ist oder wird das nicht als typisch weib­li­ches Hob­by von den Müt­tern an die Kin­der her­an­ge­tra­gen und wenn ja, aus wel­chen Moti­ven her­aus? Haben Eltern häu­fig fal­sche Vor­stel­lun­gen davon, was auf ihre Kin­der zukommt?

GO: Bei den klei­nen Mäd­chen hat es natür­lich schon etwas damit zu tun, dass sie in ers­ter Line ger­ne ein rosa Kleid­chen anzie­hen möch­ten und sich dar­in wie eine Prin­zes­sin füh­len. Tän­ze­ri­sche Früh­erzie­hung bedeu­tet aber nicht, dass in der Klas­se ein­fach gespielt wird, son­dern dass auch dort bereits eine Grund­la­ge geschaf­fen wird, auf der man auf­bau­en und von der aus eine wei­te­re Stu­fe erreicht wer­den kann. Es ist mög­lich, dass sich so man­cher unter der tän­ze­ri­schen Früh­erzie­hung etwas ande­res vor­stellt, als was in Wirk­lich­keit gebo­ten wird. Wir fra­gen die Eltern im Vor­feld immer, ob ihr Kind denn schon auf­pas­sen kann: hat es die Fähig­keit, sich ruhig irgend­wo hin­zu­stel­len und das nach­zu­ma­chen, was der Leh­rer vor­gibt? Manch­mal ist es auch ein­fach bes­ser, noch zu war­ten und in einem Jahr wie­der­zu­kom­men.

BO: Eine Mut­ter schil­der­te mir ganz erstaunt, dass ihre Toch­ter alle Tän­ze mit­samt den Geschich­ten von Luft­bal­lons, Bäu­men und Vögeln aus der Stun­de zu Hau­se vor­ge­führt habe, und sie selbst habe erst dann rea­li­siert, wie spas­sig alles für das Kind sei, auch wenn es von aus­sen sehr akku­rat und geord­net aus­se­he. Viel­leicht kom­men sie am Anfang tat­säch­lich nur, weil sie die­ses Kleid­chen tra­gen wol­len, doch ich hof­fe immer, dass sie über die Sys­te­ma­tik schliess­lich ein Inter­es­se am Tanz selbst ent­wi­ckeln. Man sieht bei klei­nen Kin­dern sehr schnell, wer sich freut und wer nicht.

GO: Wer früh mit etwas anfängt, dem fällt es auch wäh­rend der Ent­wick­lung in der Puber­tät schwe­rer, etwas, wor­in er schon viel Zeit inves­tiert und viel gelernt hat, ein­fach so auf­zu­ge­ben. Es prägt das Selbst­be­wusst­sein eines jun­gen Men­schen, das ist heut­zu­ta­ge enorm wich­tig. Das Wis­sen, etwas zu kön­nen, etwas zu beherr­schen, etwas durch eige­ne Arbeit geleis­tet zu haben, ist die bes­te Selbst­be­stä­ti­gung für ein Kind.

Man hört häu­fig, im Bal­lett wer­de Dis­zi­plin bei­gebracht. Die­se Hal­tung zu Erzie­hung ist eher kon­ser­va­tiv und heut­zu­ta­ge wie­der sehr in Mode, da gewis­se poli­ti­sche Kräf­te mehr Dis­zi­plin und Drill einer ver­weich­lich­ten Jugend gegen­über for­dern. Man bewun­dert oder erschau­dert vor den bra­chia­len Erzie­hungs­me­tho­den aus Chi­na und Fern­ost. Wie stehst Du zur Dis­zi­plin?

GO: Erzie­hung soll­te im Unter­richt nicht pas­sie­ren müs­sen, wir wol­len den Kin­dern den Tanz und vor allem die Freu­de am Tanz nahe­brin­gen. Dis­zi­plin wird im Bal­lett mit Sicher­heit gelernt. Wir leben in einer moder­nen Welt, die haupt­säch­lich von der Tech­no­lo­gie bestimmt wird. Alles ist sehr viel schnell­le­bi­ger gewor­den, vie­le Din­ge altern rasant, doch man darf nicht ver­ges­sen, dass Bal­lett eben noch «alte Schu­le» ist. Ich muss immer noch hier, im Bal­lett­saal, mei­nen Ein­satz brin­gen, um mich zu ver­bes­sern und Fort­schrit­te zu machen. Bal­lett ist sicher eine Kunst, in der Dis­zi­plin gefor­dert ist, denn Bal­lett ist nicht ein­fach und bedeu­tet kon­ti­nu­ier­li­che Arbeit, wenn man vor­an­kom­men will.

Mir fällt auf, dass die über­wie­gen­de Mehr­heit der Leu­te, die auch nur hob­by­mäs­sig trai­nie­ren, über eine höhe­re Schul­aus­bil­dung ver­fügt. Nur habe ich die Huhn-Ei-Pro­ble­ma­tik noch nicht gelöst: sind die­se Leu­te intel­li­gent und begrei­fen Tanz ein­fach oder kön­nen sie sich durch­beis­sen, kön­nen Schei­tern aus­hal­ten, wes­we­gen ihnen vie­les in unter­schied­li­chen Berei­chen des Lebens gelingt?

GO: Men­schen, die sich Bal­lett aus­su­chen und sich damit ein biss­chen befas­sen, brin­gen von Natur aus schon eine ganz ande­re Ein­stel­lung mit, auch die Kin­der. Unse­re Schu­le ist, wie die meis­ten Bal­lett­schu­len, haupt­säch­lich von Tän­zern geprägt, die den Tanz aus Freu­de und Lei­den­schaft an der Bewe­gung aus­üben. Die­je­ni­gen Leu­te, die zu uns kom­men, sind nicht nur moti­viert, sie sehen auch, dass uns wich­tig ist, was im Bal­lett­saal pas­siert, dass uns die Men­schen nicht egal sind, was wie­der­um viel dazu bei­trägt, dass sie ger­ne kom­men. Sie wol­len arbei­ten und sie wol­len gefor­dert wer­den. Es geht mir dar­um, mit Men­schen zusam­men­zu­ar­bei­ten, die Spass haben. Aller­dings haben wir auch Klas­sen, in denen wir Talen­te för­dern. In weni­gen Fäl­len besteht die Mög­lich­keit, aus dem Hob­by mehr zu machen, wenn dies auf­tritt, möch­ten wir die­se Schü­ler auf ihren nächs­ten Schritt vor­be­rei­ten.

Wie beur­teilst Du die Rol­le der Eltern, wenn Kin­der sich einem Hob­by wid­men. Hier ist es bei­spiels­wei­se mög­lich, zuzu­schau­en. Wie viel Kon­takt oder Ein­mi­schung lässt Du zu? 

GO: Wir begrüs­sen es sehr, wenn Eltern sich inter­es­sie­ren und oft zuschau­en, damit sie sehen, was wir mit den Kin­dern machen. Wir suchen die Gesprä­che mit den Eltern, in denen Din­ge geklärt und über die Ent­wick­lung und Arbeit des Kin­des gespro­chen wer­den kann. Eine Ein­mi­schung in unse­re Arbeit las­sen wir aller­dings nicht zu, da wir über das nöti­ge Wis­sen und die nöti­ge Erfah­rung ver­fü­gen, Tän­zer wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. In der Ver­gan­gen­heit konn­ten wir schon vie­le Erfol­ge fei­ern, indem wir Kin­der an Tanz­aka­de­mi­en oder Thea­ter ver­mit­telt haben, jun­gen Tän­zern die Mög­lich­keit gege­ben haben, Pro­fi zu wer­den. Es gehört aber auch viel Ver­trau­en von­sei­ten der Eltern dazu.

Muss man Eltern manch­mal brem­sen, sind sie zu ehr­gei­zig?

GO: Es gibt Eltern, die über­ehr­gei­zig sind, das habe ich auch schon erlebt. Wäh­rend mei­ner Zeit als Bal­lett­meis­ter am Bos­ton Bal­let muss­te ich lei­der oft mit­er­le­ben, wie die­se Geschich­ten in den meis­ten Fäl­len nicht gut aus­ge­gan­gen sind. Nur ist es für mich sehr schwer, Eltern dar­auf anzu­spre­chen.

Muss man Schü­ler manch­mal brem­sen?

GO: Dass sie zu hart arbei­ten? Nein. Man muss sie höchs­tens brem­sen, falsch zu trai­nie­ren. Manch­mal glau­ben Schü­ler, sie müss­ten fünf, sechs Klas­sen am Tag besu­chen. Arbei­ten sie aber nicht intel­li­gent, dann bringt das über­haupt nichts. Talent fängt im Kopf an.

Wür­dest Du jun­gen Leu­ten auch davon abra­ten, den Tän­zer­be­ruf zu ergrei­fen?

GO: Ja, das machen wir, vor allem dann, wenn Kin­der sich wirk­lich fal­sche Hoff­nun­gen machen. Da sehe ich es als unse­re Auf­ga­be, Din­ge rich­tig zu stel­len, um spä­te­re Pro­ble­me zu ver­mei­den. Sol­che nega­ti­ven Mit­tei­lun­gen wer­den zwar nicht ger­ne gehört, aber es ist bes­ser, das The­ma früh anzu­spre­chen, als jeman­dem fal­sche Illu­sio­nen zu machen, denn die Kon­kur­renz ist rie­sig. Es gibt so vie­le gute Tän­zer für so weni­ge Stel­len und wenn man dann spä­ter auf der Stras­se lan­det und wie­der ein Enga­ge­ment sucht, dann ist es ein­fach nur depri­mie­rend. Es gehört sehr, sehr viel dazu, Tän­zer zu wer­den. Man muss die kör­per­li­chen Vor­aus­set­zun­gen erfül­len, die sind aber manch­mal nur zweit­ran­gig, denn wer das Talent, die Intel­li­genz im Kopf nicht mit­bringt, kann kei­ne Kar­rie­re bestrei­ten. Man muss wis­sen, wie man etwas umset­zen kann, nur Arbeit allei­ne genügt nicht.

Ist man jemals zu alt, um mit Bal­lett zu begin­nen?

GO: Für eine Pro­fi­kar­rie­re wäre es ide­al, mit fünf zu begin­nen. Es ist aller­dings nie zu spät, um zu genies­sen, was Bal­lett­un­ter­richt dem Kör­per Gutes tun kann. Wenn jemand vom Aus­druck des klas­si­schen Bal­letts fas­zi­niert ist, dann soll er sich wagen, eine Anfän­ger­stun­de für Erwach­se­ne zu besu­chen. Beim Bal­lett trai­niert man den gan­zen Kör­per, und das beson­ders scho­nend. Fast alle Mus­kel­par­ti­en kom­men zum Ein­satz, beson­ders die Bauch- und Rücken­mus­ku­la­tur, was wie­der­um die Wir­bel­säu­le fes­tigt und die Kör­per­span­nung erhöht. Durch die Schritt­kom­bi­na­tio­nen stärkt man aus­ser­dem die Kon­zen­tra­ti­on, tut also etwas für den Kopf. Gera­de für älte­re Men­schen ist Bal­lett ein idea­ler Sport um den Mus­kel­ab­bau zu stop­pen und sich wie­der in Balan­ce zu brin­gen.

Tan­zen macht nicht nur Spass, es mache sogar intel­li­gent! Gemäss neus­ten For­schungs­be­rich­ten soll Tanz egal wel­cher Art Alters­krank­hei­ten wie Par­kin­son oder Demenz auf­hal­ten oder gar ver­hin­dern.

GO: Wir haben tat­säch­lich eine Dame bei uns, die an Demenz­pro­ble­men lei­det. Der Tanz hel­fe ihr all­ge­mein im Leben, denn beim tan­zen muss man schnell etwas auf­zu­neh­men, ver­ste­hen und es wie­der­ho­len.

Ihr seid kürz­lich Eltern gewor­den. Wird der Klei­ne mal Tän­zer?

GO: Wenn er das will, wer­den wir ihn auf jeden Fall unter­stüt­zen. Soll­te er mal als Hob­by mit dem Tan­zen begin­nen, hof­fe ich aller­dings, dass er ent­we­der rich­tig gut oder rich­tig schlecht wird (lacht). Ich möch­te nicht, dass er Tän­zer wird und dann irgend­wo im Mit­tel­mass rum­düm­pelt, dafür ist die­ser Beruf ein­fach zu hart. Als ich damals selbst mit Bal­lett und Akro­ba­tik ange­fan­gen habe, war es zunächst ja nur ein Hob­by, doch jede ande­re Sport­art ist mir nach­her immer leicht gefal­len, weil ich das Ver­ständ­nis für mei­nen Kör­per und die Koor­di­na­ti­on schon mit­ge­bracht habe.

BO: Ich hof­fe, dass er mal an irgend­et­was Freu­de fin­den kann und dies, was immer es ist, über eine lan­ge Zeit aus­übt.

Haben sich Eure Erwar­tun­gen in Bern bis­her also erfüllt?

GO: Wir sind glück­lich, hier zu sein. Jeden Tag öff­nen wir mit Freu­de die Türe unse­rer Bal­lett­schu­le, um mit unse­ren Schü­le­rin­nen und Schü­lern und ande­ren tanz­be­geis­ter­ten Men­schen die gemein­sa­me Lei­den­schaft für den Tanz tei­len zu kön­nen. Die­se Men­schen, sowie die Bal­lett­schu­le sind zum Mit­tel­punkt unse­res Lebens gewor­den. Gera­de die­je­ni­gen, wel­che die Zeit des Über­gangs nach dem Tod von Iva­na Halam­ka mit­ge­macht haben, als zunächst für die Schu­le kei­ne Zukunft vor­aus­zu­se­hen war, haben uns die Treue gehal­ten, uns eine Chan­ce gege­ben und schliess­lich auch mit­ge­hol­fen, die Schu­le neu auf­zu­bau­en. Hier herrscht eine schö­ne Har­mo­nie, die Atmo­sphä­re ist sehr posi­tiv und man hat das Gefühl, Teil einer gros­sen Fami­lie zu sein.

www.city-ballett-otevrel.ch

 


«Ich möch­te
Tän­ze­rin wer­den»
Von Syl­via Mut­ti

Die zwölf­jäh­ri­ge Auro­ra di Roc­co ist ein gros­ses Tanz­ta­lent. Mit ihrem ernst­haf­ten Aus­druck, den wachen Augen und den zum Kno­ten geschlun­gen Haa­ren ist das zier­li­che Mäd­chen eine Bal­lett-Elè­ve, wie sie im Buche steht.

Ensui­te: Auro­ra, wie lan­ge tanzt Du schon Bal­lett?

Auro­ra di Roc­co: In die­sem August wer­den es neun Jah­re.

Da bist Du aber eine sehr früh Beru­fe­ne! Wie bist Du damals zum Tan­zen gekom­men?

Die Toch­ter einer Freun­din mei­ner Mut­ter ging ins Bal­lett, und da mei­ne Mut­ter ein Hob­by für mich such­te, haben sie mich ein­mal mit­ge­nom­men. Seit­her bin ich dabei geblie­ben.

Wie wich­tig ist Dir die Unter­stüt­zung durch die Eltern?

Sie ist mir sehr wich­tig, denn ich weiss, dass es nicht alle Eltern tun wür­den. Mei­ne Eltern sind immer für mich da, wenn ich Hil­fe brau­che.

Seit unge­fähr einem Drei­vier­tel­jahr tanzt Du nun bei Gabri­el und Britt­ney Ote­v­rel. Was gefällt Dir an die­ser Schu­le?

Mit gefällt der Unter­richt und ich fin­de dass Gabri­el und Britt­ney gute Leh­rer sind.

Aber sie sind gewiss auch streng und kri­ti­sie­ren auch viel. War­um macht Dir das nichts aus?

Ich fin­de es rich­tig, kor­ri­giert zu wer­den, denn man weiss danach, was man falsch gemacht hat und kann sich ver­bes­sern, was nicht geht, wenn man immer nur hört, was gut ist.

Du siehst danach Dei­ne Fort­schrit­te?

Ich sel­ber eigent­lich nicht, aber die ande­ren fin­den, dass ich Fort­schrit­te gemacht habe.

Was gefällt dir am Tan­zen oder am Bal­lett beson­ders?

Wenn man es rich­tig gut kann, fin­de ich es sehr schön, wenn die Schrit­te flies­send inein­an­der über­ge­hen.

Beim Bal­lett wirkt alles so leicht­füs­sig, doch das ist har­te Arbeit. Wie oft trai­nierst Du?

Aus­ser don­ners­tags und sonn­tags, jeden Tag. Die meis­ten Trai­nings fin­den abends statt, des­we­gen ist es auch kein Pro­blem von der Schu­le her.

Fällt es Dir manch­mal auch schwer, Dich zu moti­vie­ren? Du inves­tierst ja sehr viel Frei­zeit in den Tanz.

Das Trai­ning fällt mir eigent­lich nicht schwer, denn ich mache es ja für mei­ne Zukunft. Ich möch­te Tän­ze­rin wer­den auf einer gros­sen Büh­ne, und ich habe gleich­wohl noch Zeit, mich mit mei­nen Freun­din­nen zu tref­fen.

Inter­es­sierst Du Dich auch für ande­re Tanz­ar­ten als fürs Bal­lett?

Ich gehe noch ins Akro­ba­tik und kürz­lich haben wir Klei­nen mit ein wenig Con­tem­pora­ry ange­fan­gen. Das hat auch Spass gemacht.

Du hast fest vor, Tän­ze­rin zu wer­den. Wäre es sehr schlimm, wenn es nicht klappt?

Ich fän­de es ein­fach sehr scha­de, doch ich wür­de wahr­schein­lich auch etwas ande­res fin­den, das mir gefällt. Was das aber sein könn­te, weiss ich noch nicht.

Bild: Die zwölf­jäh­ri­ge Auro­ra di Roc­co / Foto: zVg.

FacebooktwitterlinkedinFacebooktwitterlinkedin
Artikel online veröffentlicht: 22. Januar 2019