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Verbissen

Von Bar­bara Roel­li — Er knackt wieder: Während ich kaue, wenn ich gähne und meine Eins­ing-Übun­gen mache. Auch beim Zun­genküssen knackt er, mein Kiefer. Ich habe ein soge­nan­nt «insta­biles Kiefer­ge­lenk». Nicht, dass sich mein Kiefer von sel­ber aus­renken würde – aber wenn ich meinen Mund richtig weit auf­machen will, hält mich eine unan­genehme Sperre davon ab. Und diese Sperre liegt genau beim Kiefer­ge­lenk, der beweglichen Verbindung zwis­chen Unterkiefer und Schädel­knochen. So hat es mir der Arzt im Herb­st vor zwei Jahren erk­lärt. Und was er auch gesagt hat, ist, ich sei ver­bis­sen. Ver­bis­sen? Ich fühlte mich irgend­wie belei­digt und allein; ohne soziale Kon­tak­te, nur ich mit mir und mein­er Arbeit, die ich vertei­digte, als sei ich ein abgerichteter Bull­ter­ri­er. Schliesst «Ver­bis­sen sein» nicht auf einen egozen­trischen, berech­nen­den Charak­ter? Auf jeman­den, der sich mit Ell­bo­gen und ohne Rück­sicht auf Ver­luste seinen Erfolg erkämpft? Diese Eigen­schaft soll also der Grund sein, warum mein Kiefer seit ger­aumer Zeit knackt, wenn ich ihn bewege? Der Arzt erk­lärte, der Aus­druck «jemand sei ver­bis­sen» käme nicht von unge­fähr und sei dur­chaus wortwörtlich zu ver­ste­hen. Das beruhigte mich – kan­nte mich dieser Mann, ein Spezial­ist für Oralchirurgie, doch ger­ade mal eine Vier­tel­stunde. Woher hätte der wis­sen wollen, wie ich charak­ter­lich bin? Ich lag also auf dem ver­stell­baren Stuhl im Behand­lungsz­im­mer, eine Lampe blendete mir in den Mund und ich roch den pudrig-gum­mi­gen Geruch des Silikon­hand­schuhs an der Hand, die meine Mund­höh­le abtastete. Der Arzt drück­te da und dort und fragte, ob das weh tut. Und immer wieder nahm er mein Kinn zwis­chen Dau­men und Zeigefin­ger und forderte mich auf, meinen Kiefer loszu­lassen. In dieser Auf­forderung lag ein Befehlston. Ich wollte, kon­nte das aber nicht. Mein Kiefer blieb stur. Der Arzt rönt­gte die untere Par­tie meines Gesichts und sagte, ich müsse ler­nen, mich zu entspan­nen. Er drück­te mir ein Blatt Papi­er in die Hand, auf dem «Phys­io­ther­a­peutis­che Mass­nah­men bei Kiefer­ge­lenks­beschw­er­den» stand. Dazu unter anderem: Während sechs Wochen nur weiche Kost zu sich nehmen und die Mundöff­nung auf zwei Querfin­ger ein­schränken. Ich dachte, wie schade es ist, nicht mehr in einen safti­gen Apfel beis­sen zu kön­nen und über­legte mir, ob ein Penis in erigiertem Zus­tand bre­it­er ist als zwei Querfin­ger. Sin­gen sei auch Tabu, sagte der Arzt, als ich erwäh­nte, dass ich Gesangsstun­den nehme. In der phys­io­ther­a­peutis­chen Phase würde mir also alles, was Spass macht, es mit dem Mund zu tun, ver­wehrt bleiben.

Ich diszi­plin­ierte mich darauf, kon­se­quent weiche Kost zu essen, püri­erte das Gemüse und löf­felte brav Joghurt. Tat­säch­lich wurde mein Kiefer lock­er­er. Dann durfte ich zu nicht schmerzbere­i­t­en­der Kost wech­seln; was heisst: Brot in mundgerecht­en Stück­en, Äpfel in Schnitzen. Ein­fach alles, was nicht dick­er ist als zwei Fin­ger bre­it. Beim Essen hielt ich mich an diese Regel. Und ich verzichtete in der Ther­a­piezeit auch auf Gesangsstun­den. Zweimal täglich in Rück­en­lage den Unterkiefer sowie die Lip­pen während drei Minuten voll­ständig lock­er lassen. Das tat ich und befol­gte auch die Verord­nung des Arztes, mich selb­st zu kon­trol­lieren. Er gab mir rote, runde Kle­ber mit, die ich verteilt in mein­er Woh­nung anbrin­gen sollte, um dann automa­tisch, wenn ich einen solchen roten Punkt sehe, den Kiefer lock­er zu lassen.

Auf dass sich die Lage bald entspan­nen würde, ass ich also so, als ob ich kein Gebiss mehr hätte und trainierte mir einen glotzen­den Gesicht­saus­druck an. Denn immer, wenn ich einen dieser roten Kle­bepunk­te erblick­te, klappte ich meinen Kiefer herunter. Es nützte: Das sper­rende Gefühl ver­schwand. Nur wenn ich beim Liebesspiel die zweifin­ger­bre­ite Mundöff­nung mis­sachtete, rächte sich mein Kiefer­ge­lenk. Um es zu beruhi­gen und meine Sünde zu kom­pen­sieren, legte ich nach der kiefer­in­ten­siv­en Nacht einen Sup­pen­tag ein. Ich kaufte mir sog­ar ein Buch über pro­gres­sive Muskel­re­lax­ation nach Jacob­son, das mir der Oral-Spezial­ist emp­fohlen hat­te. Darauf stand: Ein­fache Übun­gen, schnelle Erfolge. Darum legte ich mich ein­mal wöchentlich mit Wolldecke auf den Boden, span­nte meine Muskeln an und liess sie wieder los. Nach einem hal­ben Jahr Phys­io­ther­a­pie unter Selb­stkon­trolle und zwei Nachunter­suchun­gen war der Arzt zufrieden mit meinem Kiefer­ge­lenk. Er entliess mich und appel­lierte an meine Selb­stver­ant­wor­tung, die Übun­gen weit­er­hin zu prak­tizieren.

Sei­ther beisse ich wieder in ganze Äpfel. Meine üppig gefüll­ten Sand­wich­es schnei­de ich nicht mehr in kinds­gerechte Stücke, son­dern reisse meinen Mund auf wie eine Boa, die sich über eine Maus stülpt. Eine Befriedi­gung ver­schafft mir auch, Fleisch vom Knochen zu nagen. Und danach mit der Zunge über die Spitzen mein­er Eck­zähne zu fahren und zu spüren, dass sie noch schär­fer gewor­den sind. Mich sel­ber kauen zu hören mag ich, nicht aber jenes Geräusch, dass mich lange Zeit in Ruhe gelassen hat: Dieses unge­sund tönende Knack­en – beim Kauen, Gäh­nen, beim Sin­gen, Küssen, Fel­la­tion­ieren. Jet­zt ist es wieder da. Zugegeben, aus den täglichen wur­den wöchentliche Entspan­nungsübun­gen. Seit ich umge­zo­gen bin, zieren keine roten Kle­ber mehr meine Woh­nung und erin­nern mich daran, den Kiefer hän­gen zu lassen. Ich bin wieder ver­bis­sen. Das sagt mir mein Kiefer­ge­lenk, mein per­sön­lich­er Stress­melder.

Foto: Bar­bara Roel­li
ensuite, Novem­ber 2009

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Artikel online veröffentlicht: 17. September 2018