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Berner Musiktheater — quo vadis?

Von Karl Schüp­bach — Vor­erst ein­mal… In der Presse von heute (10. Sep­tem­ber 2009) wird von Musik-The­ater-Bern geschrieben. Gemeint ist damit der Name der neu zu schaf­fend­en Dachor­gan­i­sa­tion, welche die bish­eri­gen grossen Insti­tu­tio­nen, das Stadtthe­ater (STB) und die Stiftung Bern­er Sym­phonieorch­ester (BSO) in eine einzige Träger­schaft vere­inen soll. Das Ganze ist vor­läu­fig so unklar und ohne fass­bare Kon­turen, dass es unmöglich ist, zu diesem Beschluss der Regionalen Kul­turkom­mis­sion Bern Stel­lung zu beziehen. Nur soviel: Hier wurde der Grund­stein für eine Entwick­lung gelegt, für mod­erne Struk­turen; oder aber der Weg­weis­er zeigt in Rich­tung völ­liges Fiasko.

Zur Sache Der oben gewählte Titel bezieht sich also nicht auf Struk­turfra­gen, son­dern er will den Spielplan der Oper im Bern­er Stadtthe­ater hin­ter­fra­gen. Es ist bedauer­lich, dass diese bren­nende Frage nicht disku­tiert wird, obwohl sie in den allmäh­lich ermü­den­den Diskus­sio­nen über Reibereien zwis­chen dem STB und der BSO viel Raum ein­nehmen müsste! Anders aus­ge­drückt: Man wird nicht müde, über die Stre­it­ereien der bei­den Insti­tu­tio­nen zu sprechen und zu schreiben, ohne sich aber auf eine Analyse der Ursachen einzu­lassen. Auch auf die The­men Finanzen und Dis­po­si­tion will ich hier nicht einge­hen.

Dafür aber: Der «Rosenkava­lier» in Bern – muss das sein? Aus mein­er Sicht muss sich das STB einen schw­eren Vor­wurf gefall­en lassen: Dem Haus ist es bis heute nicht gelun­gen, sich in Sachen Spielplan in der Schweiz­er Opern-Szene zu posi­tion­ieren. Der Blick nach Zürich und Genf (die Sit­u­a­tion in Basel kenne ich zu wenig) deckt sofort auf, dass die bei­den Häuser viel gröss­er sind und daher auch über wesentlich geräu­migere Platzver­hält­nisse für die jew­eili­gen Orch­ester ver­fü­gen. Dies ist von entschei­den­der Bedeu­tung, und es kann in unserem Zusam­men­hang nicht schw­er­wiegend genug gewichtet wer­den. Wenn Sie eine Par­ti­tur ein­er Oper auf­schla­gen, so wer­den Sie unschw­er fest­stellen, dass das Werk eine bes­timmte Anzahl von Bläsern, Schlagzeugern usw. ver­langt. Obwohl vielle­icht zahlen­mäs­sig nicht fest­gelegt, müssen die Stre­icher­reg­is­ter so beset­zt wer­den, dass das klan­gliche Gle­ichgewicht gewährleis­tet ist. Die Gle­ichung ist sehr ein­fach: Je gröss­er die Bläs­er-Schlagzeugbe­set­zung ist (hier kann nicht gemogelt wer­den, weil es sich aus­nahm­s­los um solis­tis­che Stim­men han­delt), desto mehr Stre­ich­er müssen einge­set­zt wer­den. Als Beispiel mögen die pop­ulären Werke von Strauss und Wag­n­er dienen. Die Bläserbe­set­zung von «Der Rosenkava­lier» von Strauss ver­langt, nicht willkür­lich, son­dern um das klan­gliche Gle­ichgewicht zu wahren, min­destens 14 erste Vio­li­nen, zusät­zlich, pro­por­tion­al dazu, die anderen Stre­icher­reg­is­ter. Zürich und Genf erfüllen diese Forderung nach adäquatem Platz prob­lem­los. Und Bern? Hier wird der Rosenkava­lier mit 10 ersten Geigen gespielt, man nimmt also ein klan­glich totales Ungle­ichgewicht in Kauf. «Das Bern­er Pub­likum hat auch ein Anrecht auf Strauss, ein Mitlied des BSO darf auch ein­mal…». Diese Argu­men­ta­tion ist kün­st­lerisch nicht halt­bar und – unbe­wusst – auch rück­sicht­s­los, wie weit­er unten zu lesen sein wird… Mein Vorschlag: Lassen wir doch dieses Möchte­gern-Zürich oder -Genf bleiben.

Die Opern­lit­er­atur bietet unzäh­lige Klein­ode, die in Bern prob­lem­los aufge­führt wer­den kön­nen. Ich darf dies aus der Erfahrung her­aus sagen. Ich hat­te das Priv­i­leg, nach 1964 als Orch­ester­vor­stand unzäh­lige Gespräche mit dem dama­li­gen The­ater-Direk­tor, Dr.h.c. Wal­ter Ober­er, führen zu dür­fen. Obwohl auch er auf zu grosse Beset­zun­gen nicht verzichtet hat, war es doch sein Bestreben, Opern aufzuführen, für die der kleine Orch­ester­graben in Bern sich wie mass­geschnei­dert anbot. Zwei Werke bleiben mir unvergesslich: «Ascanio in Alba» von Mozart und «Moses» von Rossi­ni. Die bei­den damals unbekan­nten Werke wur­den wed­er in Zürich noch in Genf aufge­führt, und sie haben von Bern aus einen wahren Tri­umphzug durch Europa ange­treten, natür­lich mit dem entsprechen­den Echo in der Presse. Ein weit­eres Beispiel, das zeigt, dass Bern dur­chaus in der Lage wäre, in der Schweiz­erischen Opern-Szene einen unbe­set­zten Nis­chen­platz einzunehmen: Der Bib­lio­thekar des Opern­haus­es Zürich hat uns sein Mate­r­i­al zur Ver­fü­gung gestellt. Auf meine Frage, wie wir uns erken­ntlich zeigen kön­nten, bat er ohne Zögern um Karten für eine mod­erne Oper in klein­er Beset­zung, die bei uns ger­ade gespielt wurde. Er tat dies mit der Bemerkung, dass ein solch­es Werk in Zürich nicht zur Auf­führung gelan­gen würde, weil es das erfol­gver­wöh­nte Pub­likum zu wenig anspreche!

Die SUVA (Schweiz­erische Unfall-Ver­sicherungsanstalt) müsste ein­greifen! Die Sit­u­a­tion ist sehr ernst: Die Kri­tik am Spielplan des STB erfol­gt keineswegs aus ein­er Abnei­gung gegen die spätro­man­tis­che Oper her­aus. Im Gegen­teil: Wie her­rlich ist es, im Opern­haus Zürich ein­er Auf­führung von «Der Rosenkava­lier» zu lauschen. Die in sich stim­mige Werkbe­set­zung ent­führt uns in die schwel­gerische Klang­welt von Strauss.

Zurück nach Bern: Zu grosse For­ma­tio­nen mit den entsprechen­den Phon­stärken gefährden in dem zu kleinen Orch­ester­graben die Gesund­heit der Musik­erin­nen und Musik­er des BSO! Es ist eine ein­wand­frei erwiesene Tat­sache, dass ver­schiedene Kol­legin­nen und Kol­le­gen sich mit schw­eren Gehör­prob­le­men herum­pla­gen. Ich kann mich gut erin­nern, dass die engen Raumver­hält­nisse zusät­zlich zu Platzangst und Aggres­sio­nen führten. Die Belas­tung und die entsprechen­den Ermü­dungser­schei­n­un­gen wer­den noch schlim­mer, wenn die Auf­führung ein­er ungeeigneten Oper in eine Woche mit gle­ichzeit­iger Probe­nar­beit für ein Sin­foniekonz­ert fällt.

Es ist unver­ständlich, dass es immer wieder Diri­gen­ten gibt, die das Orch­ester dahinge­hend kri­tisieren, dass es mit zu lautem Spiel die Sänger-Stim­men übertöne. Meine sehr häu­fi­gen Besuche in der Oper zeigen bei grossen Beset­zun­gen immer wieder das gle­iche Klang­bild: Das instru­men­tale Gle­ichgewicht ist zu Ungun­sten der Stre­ich­er empfind­lich gestört. Im Übri­gen müsste es sich nun defin­i­tiv herum­sprechen: Es ist ein akustis­ches Phänomen, das 16 Geigen bei Piano-Stellen leis­er klin­gen als 10!

Was gibt es da noch zu sagen? Vor Jahren dirigierte ein bekan­nter ital­ienis­ch­er Diri­gent (nein, nicht Nel­lo San­ti) die Oper «Nabuc­co» von Ver­di an unserem Stadtthe­ater. In diesem grossar­ti­gen Werk ist das Cel­lo-Reg­is­ter während ein­er Arie solis­tisch aufgeteilt, neb­st den Tut­ti-Cel­lis­ten. Der Diri­gent fand in Bern eine Cel­lo-Gruppe vor, die aus Platz­grün­den nicht in der Lage war, die ver­langte Anzahl Cel­listin­nen und Cel­lis­ten aufzu­bi­eten. Offen­bar war der Gast-Diri­gent über die räum­lichen Ver­hält­nisse im Orch­ester­graben nicht aus­re­ichend ori­en­tiert wor­den. Jeden­falls fauchte er uns an und schlug vor, wir soll­ten zur Pre­miere nicht in der gewohnt fes­tlichen Klei­dung auftreten, son­dern in einem T-Shirt mit der Auf­schrift: Bern Cham­ber Orches­tra plays Nabuc­co.

ensuite, Okto­ber 2009

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Artikel online veröffentlicht: 14. September 2018