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EDITORIAL Nr. 88

Von Lukas Vogelsang – Am 18. und 19. März fand in Luzern zum 10. Mal das Forum Kultur und Ökonomie statt. Das ist das gros­se Treffen der Kulturförderungsinstitutionen der Schweiz. Hier tref­fen in einem Saal ca. 130 KulturgeldverteilerInnen zusam­men, die jähr­lich Kulturbeiträge von ca. 2,5 Milliarden Franken ver­tei­len. Ein net­tes Sümmchen und man ist irgend­wie beru­higt, dass nie­mand mit dem Ferrari vor­fährt.

Zwei Tage, um über den Sinn und Unsinn und die Probleme der Kulturförderung zu sprchen, ist sehr knapp bemes­sen. Und es muss laut gesagt sein, dass die­ser Event für alle har­te «Arbeit» bedeu­tet. Das Tagesprogramm setz­te sich aus einer Vielzahl von Vorträgen zusam­men und ging fast naht­los von einem Redner oder Rednerin zum nächs­ten Thema – ganz im Sinne von: «Verdauen kön­nen Sie noch den gan­zen Rest vom Jahr».

Die Tagung fand übri­gens im neu­en Südpol in Kriens bei Luzern statt. Dieses Zentrum ist noch im Aufbau, aber bereits jetzt ein span­nen­der Kulturort gewor­den, der noch viel von sich hören las­sen wird.

Die Jubiläumsveranstaltung stand unter dem Motto: «Kunst macht glück­lich» – ein Ausspruch, der viel Interpretation zulässt und auch viel zum Schmunzeln bie­tet. So mach­te Prof. Dr. Gerhard Schulze mit sei­nem Referat «Geld für Kunst – Skizzen zu einer Rede an den Steuerzahler» einen per­fek­ten Auftakt mit sei­nen Definitionen zu «Glück 1» und «Glück 2». Die bei­den Glücke kann man ein­fach mit der Definition von «Sein und Haben» von Erich Fromm unter­schei­den. Er leg­te aber damit den Grundstein für die Pausengespräche der damp­fen­den Kulturförderinnen und Kulturförderer.

Über den Inhalt und die Referate muss ich in der Tat sel­ber noch ein biss­chen Verdauungsarbeit leis­ten. Qualitativ war die gesam­te Bandbreite von «nütz­lich» bis «frag­wür­dig» ver­tre­ten. Aber: Der Anlass an sich ist sehr wich­tig und vor allem für Aussenstehende span­nend.

Zwei Dinge sind mir beson­ders auf­ge­fal­len: Selbst die Kulturförderungselite der Schweiz redet stets über Kultur – meint aber genau­ge­nom­men oft­mals nur «Kunst». Diese Begriffe wer­den ver­wech­selt – spricht man jeman­den dar­auf an, reagie­ren die­se abwei­send. Dabei wan­deln sich die Begriffe «Kultur» und «Kunst» mit der gesam­ten Bewegung der Menschheit und müs­sen immer neu defi­niert wer­den. Deswegen ist es auch kein Wunder, dass die Politik bei jeder Sparübung die­ses «ver­wu­schel­te» Kulturwesen von der Bühne wer­fen will. Und gera­de die­se Definitionsauseinandersetzung wird von der Kulturgemeinschaft per­ma­nent abge­wun­ken. Das war auch an die­ser Tagung sehr gut spür­bar. Kulturelle Werte wer­den über den Hype zeit­ge­nös­si­scher Kunst defi­niert – nicht aber über tra­di­tio­nel­les Kulturschaffen.

Das Zweite, was mir auf­ge­fal­len ist: Das Forum Kultur und Ökonomie ist eine Inselveranstaltung der Kulturelite. Hier klopft sich ein klei­nes Universum auf die Schultern oder weint sich dar­an aus. Aber was ent­steht dar­aus? Wer reflek­tiert die­se Gemeinschaft? Die Politik, die sie wie ein Feinbild zu über­zeu­gen ver­sucht, dass Kultur «so wich­tig» ist? Die Kulturschaffenden und KünstlerInnen, die sich vor allem für ihre eige­nen Wünsche und Forderungen stark machen? Oder die BürgerInnen, die durch ihr Fernbleiben, durch kul­tu­rel­le Verweigerung, ihr Feedback geben?

Ich bin nicht so naiv zu glau­ben, dass wir Kultur und Kunst durch eine fixe Wertdefinition ver­an­kern kön­nen. Aber zumin­dest muss der Kulturwirtschaft selbst (um auch die­ses schö­ne Wort ein­mal zu ver­wen­den) mit jeder Bewegung klar sein, dass die­se Grunddefinitionen nicht ein­fach gege­ben und wir Menschen dazu ver­dammt sind, immer wei­ter­zu­su­chen. Das betrifft die «Kulturgegner» genau­so. Das Paradies ist noch in wei­ter Ferne.

Foto: zVg.
ensui­te, April 2010

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Artikel online veröffentlicht: 16. Oktober 2018 – aktualisiert am 18. Dezember 2018