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Literarische Fragmente 4

Von Kon­rad Pauli — Eine Stunde weit war er in eine andere Stadt gefahren, erwartungs­los, vorge­warnt, wenn nicht geläutert durch Erfahrung; fuhr also hin im vollbe­set­zten Zug, sass neben einem Hünd­chen, das seinen Kopf aus der Tasche ein­er älteren Dame streck­te und aufmerk­sam eine in ihre Arbeit ver­tiefte junge Frau fix­ierte, eine Per­son, die Gedruck­tes mit einem gel­ben Leucht­s­tift trak­tierte und verun­stal­tete, dabei eine Ver­bis­senheit an den Tag legte, die auch das nicht unschöne Gesicht verz­er­rte und Fal­ten grub. Am andern Ort wollte er bloss herumge­hen, sich umschauen, die Häuser, die Geschäfte und ihre Aus­la­gen. In jün­geren Jahren gierte er so nach dem Spek­takulären, dem Ereig­nis, das er, der Schrift­steller, gle­ich­sam als Beute mit­nehmen, als Ernte einz­u­fahren hoffte. Mit­tler­weile hat­te er gel­ernt, dass dies wed­er hier noch dort, wed­er abseits noch in der Welt­stadt wie auf Knopf­druck funk­tion­ierte. Es war, als hielte sich das Ereig­nis ver­steckt, nicht bere­it, ihm den Gefall­en zu tun. Solcher­art eingeübt ging er herum, bog auch in wenig belebte Gassen und Gäss­chen ein – war nun über­rascht, dass ein Pas­sant ihn grüsste. Während er noch von der Freude zehrte, die dieses Zeichen aus­gelöst hat­te, fuhr, in einem offe­nen Zug auf Gum­mirädern, eine Schulk­lasse nah an ihm vor­bei. Und die etwa Neun­jähri­gen wink­ten ihm zu und grüssten alle­samt. Keines der Kinder erlaubte sich eine Übertrei­bung – ihr Grüssen kam aus der Freude, fen­ster­los so herum­fahren zu dür­fen auf ihrem Aus­flug, ihrer Stadtrund­fahrt – und endlich einen Empfänger dafür gefun­den zu haben.

ensuite, März 2009

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Artikel online veröffentlicht: 21. Oktober 2018