Die Behelfsbetten der Kammerdiener

Von Dr. Regula Stämpfli -  Der Kulturanthropologe David Graeber hat vor zwei Jahren ein grosses Buch über Bullshitjobs, Beraterhöflinge und den zeitgenössischen Neofeudalismus geschrieben. Er erzählt von der unglaublichen strukturellen Dummheit moderner Geschäftsführung. Er erklärt den Staatskapitalismus, der „Marktfreiheit“ blökt, aber Menschen einsperrt. Deprimierend sein Schluss: Leistung zählt nicht, Effizienz zählt nicht und wer sich dagegen wehrt, wird ins Gefängnis gesteckt oder – noch schlimmer – verliert seinen Job.

Klingt bekannt, nicht wahr? Ich …

lesen...

Paris: Ein Flatrate-​Leben zwischen Geiz und Laster

Von Dr. Regula Stämpfli - Zehn Zeilen. Zehn Zeilen und mehr nicht. Zehn Zeilen, die uns mitten nach Paris transportieren. Zehn Zeilen, die uns in 48 Stunden aus unserem beschaulichen Schweizer Leben direkt in die Grossstadt transportieren. Zehn Zeilen, die das vertrackte Verhältnis zwischen Wahrheit und Macht explizieren. Zehn Zeilen von Gila Lustiger und Sie und ich sind begeistert.

Gila Lustiger schafft es, sich als Mann im Roman perfekt zu bewegen, Frauen zu verführen und …

lesen...

«Hier bin ich» – oder dann doch nicht? Zum neuen Buch von Jonathan Safran Foer

Von Dr. Regula Stämpfli - Es gab nur Kalorien. Das Ricotta-​Brioche, der Linsensalat und der köstliche Brüsselersalat mussten für einmal warten. Immerhin: Es gab Kalorien und den folgenden Dialog: «Zwei Stück Roggenbrot mit samtiger Erdnussbutter, diagonal geschnitten, mit Liebe serviert.» Jacob reichte Benjy den Teller.

«Hey, das ist meins!» fing Max den Teller ab.
«Ok. Dafür gibt es Honig-​Cheerios mit Reismilch für Benjy.»
«Das sind nur ganz normale Cheerios – mit Extra-​Honig draufgeschmiert» meinte Max.

lesen...

Seidenstrasse: Eine neue Geschichte der Welt

Von Dr. Regula Stämpfli - Wir sind eine Familie mit unterschiedlichen Zungen. Die Kids waren in einer französischsprachigen Krippe, Papa kehlte auf schottisch und Mama äuäte auf bärndüütsch (d´Lorreeenä bin i). Sehr bald stellten wir fest, dass sich gewisse Vorgänge in der einen oder anderen Sprache besser ausdrücken liessen. Liebeswörter gingen auf bärndüütsch ebenso gut wie Essenswünsche auf französisch. Auch fluchen klang bei Mama tausendmal bes-​ser als das «f****» im Englischen oder das «p*****» en …

lesen...

Bonjour Moussa – je m’appelle Regula

Von Dr. Regula Stämpfli - 70 Jahre nach seinem Roman «Der Fremde» hat Albert Camus seinen würdigsten Nachfolger in Algerien gefunden.

In «Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung» gibt der grosse Kamel Daoud dem von Camus «per Zu-​fall» erschossenen «Araber» eine un-​vergessliche Stimme. Ist Ihnen «Der Fremde» fremd? 1942 verfasste Camus die Geschichte, die in Frankreich wie eine Bombe einschlug. Meursault, der auf seine nackte Existenz zurückgeworfene Mann ohne Gottes-​eigenschaften, erschiesst einen «Araber.» Dies aus …

lesen...

Parfümierte, wortreiche, handlungsarme Buchrezensionen

Es gibt ganz, ganz grosse Bücher und Autorinnen und Autoren. Wenn Bücher nicht wären, ich hätte der Welt schon längst den Rücken gekehrt. Es sind Bücher, die mir die Hoffnung in gute Menschen bewahren – selbst bei sehr, sehr, sehr bösen Schreiberinnen oder Geschichten. Das schlechte Menschenbild krieg ich nur bei Literaturkritikern, besonders im Literaturclub im Schweizer Fernsehen. Wie kommt – meist die Moderatorin oder Elke Heidenreich – nur auf die OBERGRAUSAMIDIOTISCHEBLÖDSTE Idee, den Plot, …

lesen...

Intime Begegnung im Klo

Sie kennen „The Hulk“, „Thor“ und vielleicht noch „Captain America“ – wenn sie Menstruationshintergrund haben. Ohne können Sie mir innert ein paar Minuten Dutzende glorreicher Comicfiguren aufzählen. So wie Jarrett Kobek. Mit ihm hatte ich auf der Buchmesse ein sehr intimes Date. Auf der Damentoilette während der Frankfurter Buchmesse. Es gibt  sogar ein Foto:

Ich war nach Pipi und Händewaschen nicht in der Laune, mich mit der üblichen Netzbäscherei von Seiten der Holzmedien auszusetzen. Ökonometrisiert …

lesen...

Tiere denken

Am 1. Mai dieses Jahres hielt ich eine Rede in Thun. Thema war: Über Menschen und Maschinen. Doch meine Abschlussworte drehten sich um Tiere. Nämlich darum, dass wir unser Weltverständnis nicht nur gegenüber Maschinen (die können nämlich oft die «besseren» Menschen sein) transformieren müssen, sondern gegenüber den Lebewesen, die wir grob in Tiere und Pflanzen einteilen. Mein Schlusssatz war: «Es könnte sehr wohl sein, dass in 100, 200 oder 300 Jahren die Menschen auf unsere …

lesen...

Bruce Springsteen – leider geheim

Aussen vor – tut immer weh. Dabei hätte Bruce Springsteen sicherlich gerne mit mir geredet, laach, so bilde ich es mir jedenfalls ein. Aber wieder einmal waren die Männerfans dieser grossen Seele an erster Stelle, denn ja klar: Auf Springsteen stehen Männer, u.a. auch solche, die nichts von dem haben, aber auch gar nichts, was Springsteen eben zum Menschen macht.

Seufz.

Es ist wie bei «Born in the USA» – 1984 brauchte Reagan den Song …

lesen...

Menschen mit Migrations- und Menstruationshintergrund im Büchermarkt

Im deutschsprachigen Raum dürfen Frauen, wollen sie vom Schreiben auch leben und forschen können, nur Sachbücher zu Frauenthemen schreiben. Romane und Gedichte ok, aber vorzugsweise in Form von jung und hübsch oder «Tochter von berühmten Vater. »

Grosse Sachbuchthemen wie Demokratie, Vermessung, Algorithmen, kartesianische Wende, Pictural Turn, Medienmechanismen, Krieg (Titel meiner Sachbücher nur als Bsp) sind Menschen ohne Menstruationshintergrund oder – im besten Fall – Menschen mit Menstruationshintergrund und ganz berühmten Verwandten erlaubt (Grosstöchtern von …

lesen...

Heimweh nach Flandern&den Niederlanden

Frankfurt am Main, Hessen, Hesse, Deutschland, Germany. 18.10.2016 Gäste im extrem coolen Pavillon der Gastregionen Flandern&Niederlande

Ich hätte es mir denken können. Frankfurt sah anders aus. Cooler, Lässige, schönere Kleidung. Menschen, denen ich mit meinen 1.80 – auf Plateauschuhen locker 1.90, in die Augen schauen kann. Schöne Augen übrigens: Von schwarz bis wasserblau. Vielfältig. Die Frauenstimmen tiefer als in Deutschland .Überhaupt die Frauen. Mich überfällt grosses, riesengrosses Heimweh. Nach meiner Berufs- und Familienzeit in Belgien, …

lesen...

Biermann&Frauen,etwas Politik: 576 Seiten WeiberLeiberZeitroman

FBM: Blaues Sofa 19.10.2016 Wolf Biermann

Wolf Biermann redet nicht mit dem Literaturkritiker, sondern mit dem Publikum, was ihn sehr amüsant, wenn auch etwas langatmig macht. Poesie und Lieder sind Biermanns Métier: Romane nicht. Und doch liest sich seine Biographie flüssig, schnell, beeindruckend und sehr tragisch verwühlend (ein Stämpfliism, sorry). Dass er einen so dicken Wälzer geschrieben hat, ist nur seiner Frau Pamela zu verdanken. Sie hat den Trick geschafft, Biermann zu Puzzles zu verführen, …

lesen...

Can Dündar: Leben im Ausnahmezustand

Bild während FBM: Blaues Sofa 19.10.2016

«Die Türkei ist das grösste Gefängnis für Journalisten» hielt Can Dündar fest. Ein überwältigend mutiger Schriftsteller und Journalist. Weil er über die Waffenlieferungen der türkischen Regierung an Extremisten in Syrien schrieb, wurde er letztes Jahr ins Gefängnis geworfen. Er hat Glück im Unglück gehabt, denn er kam frei . Doch er ist im Exil. Ein bitterer Zustand für einen Menschen, den die Türkei so sehr brauchen würde. Viele türkische …

lesen...

Beste Häppchen: Schweizer Empfang

Als ich 2009 zum erstenmal von meinem Verlag zur Buchmesse eingeladen wurde, staunte ich über die grosse Länderecke im Saal 4.1: Die Schweizer BuchhändlerInnen und VerlegerInnen-​Verband leistet sich immer Donnerstags um 11 Uhr einen appetitlichen Empfang mit viel Schweizer, Österreichischer, Deutscher und Liechtenstein’scher Prominenz. Wie immer bei solchen Anlässen gibt es einen inneren Kreis von Schriftstellenden, der dazugehört und den Ton angibt. Wie immer fühl ich mich etwas fremd, obwohl ich ja eigentlich «dazugehöre». Doch …

lesen...

Europa&Islam

Der wichtigste Anlass war Mittwoch: 16.30 eine Diskussion mit Dr. Andreas Görgen, Boualem Sansal, Elif Shafak unter der Moderation von Daniel Cohn-​Bendit. «Europa&Islam» – eine derartige Überschrift – ist im Ansatz völlig verkehrt und Kern der Probleme im Diskurs über Globalisierung, Migration und Nationalisierung. Dies stellte die zauberhafte, grossartige, inspirierende Feministin, Europäerin, Türkin, Poetin Elif Shafak gleich zu Beginn fest. Es gibt «den Islam» nicht, sondern Islamismen. Boualem Sansal, der Preisträger des Friedenspreises von 2011, der …

lesen...